Kategorie: #DigitalMondayBlog

Auch für Technikgestaltung gilt: Nichts über uns ohne uns!

Für viele hörenden Menschen bin ich die erste gehörlose Person, die sie kennenlernen und für viele nichtbehinderten Menschen bin ich überhaupt die erste behinderte Person, mit der sie interagieren. Die Technik- bzw. Informatikindustrie wird von nichtbehinderten Menschen dominiert. Beispielsweise hat mich in meiner Ausbildung zum Netzwerktechniker keine Person unterrichtet, die sich selbst als behindert identifizierte. Diese Auswirkung spüre ich im Alltag stark: Mein Staubsauger hat kein Lichtsignal; ohne, dass ich es bemerkte, lief dieser zuletzt drei Stunden im Vollbetrieb — sehr zum Verdruss meiner hörenden Nachbar*innen. 

Bis vor Kurzem gab es in öffentlichen Verkehrsmitteln kein visuelles Warnlicht beim Schließen der Türe, was zu unangenehmen Überraschungen und eingeklemmten Beinen führt. Nur in etwa 3% von ungefähr 10.000 gehörlosen Menschen in Österreich haben Zugang zu einer adäquaten Ausbildung, die es Ihnen erlaubt auf Maturaniveau abzuschließen. Tutorials zu technischen Themen sind maßgeblich schriftbasiert und so aufbereitet, dass sie dabei einer rein auditiven Logik, aber keiner visuellen folgen. Wenn es dann einmal Videos gibt, sind diese, wenn überhaupt, nur selten untertitelt.

Was mir meine Ausbildung weiters gelehrt hat, ist dass konsequent von mir erwartet wird, mich an nichtbehinderte Menschen anzupassen.  Sollte ich einmal meine eigenen Bedürfnisse nach Barrierefreiheit (oder wenigstens -armut) äußern, fühle ich mich inzwischen schon selbst schlecht dabei, ständig aus dieser bittstellenden Haltung heraus zu agieren. Wenn meinen Bedürfnissen dann doch einmal entsprochen wird, fühlt es sich an wie Luxus, wofür man ewig dankbar sein müsste.  Luxus, der nichtbehinderten Menschen jeden Tag ohne weiteres Zutun selbstverständlich zur Verfügung steht.

Eine Lichtklingel für mehr Licht in Barrierefreiheit

Barrieren begegnen mir aber auch in dezidiert sozialen Technikräumen.  So wird auch bei digitalen und technischen Projekten im Wiener Metalab — einem Community betriebenen Maker- und Repairspace (“Hackspace”) — Barrierefreiheit oftmals nicht aktiv von Anfang an mitgedacht.  Das liegt nicht daran, dass das nicht gewollt wird, sondern ist schlicht und einfach der Tatsache geschuldet, dass nichtbehinderte Menschen einfach kein Bewusstsein für potentielle Barrieren entwickeln, weil sie damit nicht persönlich konfrontiert werden.

Dazu ein kurzes Beispiel: Als Vorstandsmitglied des Metalabs bin ich sehr oft vor Ort aufzufinden. Bis vor Kurzem konnte ich allerdings Besucher*innen nicht hereinlassen, weil die Türklingel nicht auf gehörlose Menschen ausgelegt war. Als ich anfing darüber zu reden, dass ich stets innerliche Unruhe empfinde, wenn ich alleine im Metalab bin und sonst niemand auf die Türklingel hören könnte, sprang ein Freund von mir entsetzt auf (“Ahja, absolut! Das geht so nicht weiter!”). Ganz der “Selbst machen und hacken”-Philosophie, die hier im Lab herrscht, wurde die Lichtklingel mithilfe eines Mikrocontroller und einer Lochrasterplatine an eine Alarmleuchte geschraubt. Die Lichtklingel gibt mir ein Stück Eigenständigkeit zurück; ebenso untermalt sie allerdings auch  das DIY Mindset des Metalabs bzw. hebt es die Perspektive der Nachhaltigkeit exzellent hervor.

MACH’S AUF!

Um auf genereller Ebene zu fragen, was gehörlose Menschen benötigen, um sich barrierefrei Technikfähigkeiten anzueignen oder eigene Projekte umzusetzen, arbeite ich jetzt bei MACH’S AUF! mit. (https://machs-auf.at). Am Beispiel des Metalabs versuchen wir kreative und kulturelle Orte (Make- u. Hackspaces) zugänglicher zu machen. Genauso wollen wir die Aufmerksamkeit auf nachhaltige Wirksamkeit, die sorgsame Nutzung von natürlichen Ressourcen und Repair-Kultur lenken. In diesem Projekt wirken Dr.x Katta Spiel (nin/they) (katta.mere.st) und ich (oliversuchanek.com) selbst mit Unterstützung von Christine Stöger (sie/she), um mit dem Metalab als Case Study zu untersuchen und zu erforschen, welche Maßnahmen es benötigt, um Barrieren abzubauen aber auch, um diese gar nicht erst einzuführen.

Neben der Vermittlung von Technikinhalten und öffentlichen Veranstaltungen zur Diskussion von Technik und Behinderung, haben wir bisher festgestellt, dass es auch ganz besonders um beiläufige Sichtbarkeit geht. Mit der Einführung der ÖGS Meet Ups (https://metalab.at/wiki/ÖGS_MeetUp), die seit Mai stets Mittwoch Abend ab 19:30 bis Open End stattfinden, lernen immer mehr hörende Menschen die Österreichische Gebärdensprache und wir, gehörlose Menschen, fühlen uns ein Stückchen mehr willkommen.


Suchanek

© oliver suchanek

Oliver Suchanek (es/they) – gehörloses Vorstandsmitglied des Metalabs, dem Verein zur Förderung der Erforschung und Bildung sozialer und technischer Innovationen, welches das Metalab auch gerne dafür nutzt Kunst mit Technik zu verbinden.

Das Metalab (http://metalab.at) ist ein Ort, wo jede*r ganz frei technische Fähigkeiten erlernen können sollte, sei es 3D-Druck, mit dem Lasercutten arbeiten, schweißen oder nähen. Genauso können Fahrradreifen aufgepumpt und Laptop repariert werden.

 

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