Barrierefreie Kunstvermittlung

Das Wiener Forschungszentrum VRVis setzt sich seit mehr als einem Jahrzehnt mit digitalen Innovationen auseinander, um allen Menschen gleichermaßen Kunst- und Kulturerfahrungen zu ermöglichen. So erstellt das Forschungsteam mittels einer softwaregestützten Methode taktile Reliefe, die ertastet werden können und u.a. Personen mit eingeschränktem Sehvermögen dazu befähigen, Ausstellungsstücke selbstständig zu erleben.

Begreifen durch Berühren: Inklusive Digitalisierung baut Barrieren in der Kulturvermittlung ab

Das Wiener Forschungszentrum VRVis setzt sich seit mehr als einem Jahrzehnt mit digitalen Innovationen auseinander, um allen Menschen gleichermaßen Kunst- und Kulturerfahrungen zu ermöglichen. So erstellt das Forschungsteam mittels einer softwaregestützten Methode taktile Reliefe, die ertastet werden können und u.a. Personen mit eingeschränktem Sehvermögen dazu befähigen, Ausstellungsstücke selbstständig zu erleben.

Ob Gemälde, Skulptur, Stadtansicht oder Partitur: Anhand von Fotos bzw. 3D-Scans übersetzen die Expertinnen und Experten des VRVis Gegenstände in digitale 2.5D-Modelle und damit in taktile Reliefe.   Zum Einsatz kommt hier eine Software, die Elemente aus bestehenden Programmen mit eigenen Forschungsideen kombiniert. Die taktilen Reliefe können aus verschiedenen Materialien angefertigt werden und schaffen so flexible Gestaltungs- und Interaktionsmöglichkeiten. Über das Berühren und Ertasten dieser Reliefe eröffnet sich für alle Menschen, unabhängig von ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten, ein niederschwelliger Zugang zu den Objekten. Kunstwerke können bis ins kleinste Detail abgebildet und hochwertig vermittelt werden.

Möglichkeiten, um verschiedene Sinne anzusprechen

Das Team am VRVis hat bereits mehr als 30 taktile Reliefe für rund 15 renommierte Museen in Europa gestaltet, darunter das Belvedere und das Kunsthistorische Museum in Wien oder das Victoria & Albert Museum in London. Ergänzend zu den Reliefen haben die Forscherinnen und Forscher im Rahmen des EU-Projekts ARCHES einen interaktiven Multimedia Guide für Ausstellungsobjekte konzipiert. Die Basis dafür bildeten die Erfahrungen und das Feedback von Nutzerinnen und Nutzern mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Der Multimedia Guide ist ein kreatives, vielfältiges Werkzeug zur inklusiven Kunstvermittlung: Er verschränkt visuelle Wahrnehmung, Tastsinn und Gehör miteinander und bietet multimediale Inhalte rund um die taktilen Reliefe (z.B. Gebärdensprache-Videos, Audio-Dateien, Animationen, spezielle Farbprojektionen). All das funktioniert ganz einfach, auf Fingerzeig.

Im Projekt BeauCoup arbeitet das VRVis derzeit daran, das System des Multimedia Guides zu erweitern und speziell auf eine ältere Zielgruppe auszurichten. Gefördert durch das Ambient Assisted Living Joint Programme (AAL JP), werden in dieser Zusammenarbeit mehrerer europäischer Forschungspartner Lösungen entwickelt, die ältere Personen mit Kunst und Kultur in Kontakt bringen – innerhalb und außerhalb von Museen oder ähnlichen Institutionen.

Vielfach ausgezeichnet – für variable Umsetzungsformen

Für seine Entwicklungen im Bereich der inklusiven Digitalisierung wurde das VRVis alleine in den vergangenen vier Jahren mit acht Preisen ausgezeichnet. Darunter sind etwa der IIID Award 2023, der UD Award 2023 in drei Kategorien und der Zero Project Award 2020.

Zwei aktuelle Umsetzungsbeispiele für die barrierefreien Vermittlungslösungen des Forschungszentrums sind ein taktiles Relief für das Museum „Salon Stolz“ sowie ein taktiles Panorama für das Graz Museum Schlossberg. Für den „Salon Stolz“, ein Museum mit Fokus auf das Leben und Werk des österreichischen Musikers Robert Stolz, hat das VRVis-Team eine Tasche und einen Frack aus dessen Besitz digital rekonstruiert und nachmodelliert. Die Besucherinnen und Besucher können beides berühren genauso wie einen Ehrentaktstock aus Elfenbein und die charakteristische Brille des Komponisten. Um den handschriftlichen Charakter eines Notenblatts zu verdeutlichen, haben die Forscherinnen und Forscher die Notenzeilen in unterschiedliche Höhenschichten zerlegt, jeweils für die Notenlinien, den Text, die Noten und die Taktstriche.

Den Blick über Graz ertasten

Im Außenbereich des Graz Museum Schlossberg befindet sich ein taktiles Relief, das den Ausblick über die Stadt von dort aus auch für blinde und sehbehinderte Menschen zugänglich macht. Das Panoramarelief stellt mehr dar als den bloßen Stadtplan: Es vermittelt einen realistischen Tiefeneindruck von der Umgebung des Grazer Schlossbergs. Das VRVis hat dafür seine Modellierungssoftware erweitert und Geländedaten, 3D-Modelle von Gebäuden und Vegetationskarten zusammengeführt, sodass die Wahrnehmung des menschlichen Auges imitiert und durch Berührung erfahrbar gemacht wird.

 

Kurzbiografie

Das VRVis ist eine international anerkannte und Österreichs größte Forschungseinrichtung auf dem Gebiet Visual Computing. Federführend für den Bereich der inklusiven Digitalisierung am VRVis und damit für die Entwicklung der taktilen Reliefe und des Multimedia Guides ist Andreas Reichinger. Er ist Senior Research Engineer in der Forschungsgruppe „Multiple Senses“ und gestaltet seit über zehn Jahren barrierefreie Lösungen für den Kunst- und Kulturbereich.

 

Blogreihe „Digitale Kompetenzen – Wiener Best Practices“

Dieser Beitrag ist Teil der DigitalCity.Wien-Blogreihe „Digitale Kompetenzen – Wiener Best Practices“. Die Best Practices zeigen, welche Maßnahmen Wiener Organisationen und Institutionen schon heute ergreifen, um unterschiedlichen Zielgruppen einen einfachen Zugang und Erwerb von digitalem Wissen zu ermöglichen.

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Copyright der Fotos: © VRVis

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