Kategorie: #DigitalMondayBlog

#Schuleflipped – Was COVID-19 an der Schule verändert hat und was die Zukunft bringt

Ein Jahr Lockdown – was hat das mit dem Bildungssystem gemacht? Jetzt ist es möglich, ein erstes Fazit zu ziehen. Doch mehr noch als den Blick zurück in die Vergangenheit, braucht es nun den Blick nach vorn in die Zukunft. Der Aufbruch zu etwas Neuem steht jetzt bevor.

Seien wir ehrlich: Die Pandemie und der Lockdown haben nicht nur Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft hart getroffen. Sie haben auch die Grenzen unseres althergebrachten Schulsystems überdeutlich aufgezeigt. Von buchstäblich heute auf morgen hatte der klassische Präsenzunterricht ausgedient. Pädagogik im Klassenraum war passé, das Lehrangebot musste vielerorts auf die bloße „Betreuung“ schrumpfen.

Allen Betroffenen war die verheerende Lage bewusst, denn: Der Schulauftrag, die nächste Generation auf das Leben vorzubereiten, blieb trotz aller Virusbedrohungen bestehen. Und so machten Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer notgedrungen erste Erfahrungen mit den Methoden, die helfen sollten, die eingeschränkte räumliche Nähe zu kompensieren.

Digitales Lernen wurde Alltag

Das hieß: Lernplattformen nutzen, Videokonferenz statt Klassenzimmer, Telefonate, Chatrooms oder Mail-Austausch mit den Lehrerinnen und Lehrern. Das waren für die meisten völlig neue Elemente des Schulbetriebs. Die Umsetzung ging mit unterschiedlichem Tempo und variierender Qualität voran. Einige Schulen wurden buchstäblich ins kalte Wasser geworfen. Andere Schulen wiederum waren vorbereitet, weil sie auf Strukturen und Erfahrungen, die bereits vor der Pandemie gesammelt wurden, zurückgreifen konnten.

Nach rund einem Jahr Pandemie sind wir alle ein bisschen klüger. Zumindest insoweit, dass wir jetzt die gemachten Erfahrungen mit digitalen Lernangeboten ersten Bewertungen unterziehen können. Eine wichtige Erkenntnis: Lernen ohne Präsenzphase und den direkten kommunikativen Austausch mit Lehrkräften ist unersetzbar. Doch daraus den Schluss zu ziehen, nach der Pandemie einfach wieder zu den alten Strukturen zurückzukehren, wäre fatal. Denn der Lockdown hat – bei allen negativen und nicht abzusehenden Folgen – das Potential und die Stärken des digitalen Lernens nur allzu deutlich aufgezeigt. Ein paar Beispiele mögen dies unterstreichen.

Digitale Lernangebote:

  • fördern ein selbständiges und selbst organisiertes Lernen (Fähigkeiten, die ein ganzes Berufsleben lang gebraucht werden)
  • bieten die Chance auf differenzierten Unterricht, der sich auf die individuellen Bedürfnisse der Lernenden feinjustieren lässt
  • machen den Prozess der Wissensvermittlung transparenter (ein wichtiges Kriterium für permanente Optimierung von Lehren und Lernen)

Um das volle Potential des digitalen Unterrichts abzurufen, benötigen wir jedoch mehr als ein bisschen Online-Learning und ab und an eine Videokonferenz oder einen Chat. Werden die neuen Möglichkeiten nur halbherzig und zwanghaft in die alten Lernmethoden eingebunden, ist nichts gewonnen.

Bildungspolitischer Wendepunkt

Stattdessen sollten wir den Lockdown und die daraus resultierenden Erkenntnisse für weitaus mehr nutzen. Denn jede Krise bietet bekanntlich eine Chance. Und diese Chance haben wir jetzt. Am Ende des Lockdowns sollte kein „weiter so“ stehen, sondern die Erkenntnis: Wir stehen nicht nur am Anfang einer Post-Corona-Zeit, sondern an einem bildungspolitischen Wendepunkt. Jetzt können wir die Schule fit für die Zukunft machen.

Entwickeln wir aus dem traditionellen und den neu gemachten Erfahrungen etwas, was das Beste aus beiden Welten zu etwas Neuem vereint. Eine neue Lernkultur, die so aussehen könnte: projektartig, selbständig, selbst organisiert, fächerübergreifend. Machen wir Schule jetzt fit für die Zukunft. Damit dies gelingt, braucht es die geduldigen Anstrengungen und die vertrauensvolle Zusammenarbeit einer Vielzahl von Akteuren: Eltern, Schülerinnen und Schüler genauso wie Lehrerinnen und Lehrer. Abstrakter gesagt, auch Wirtschaft, Gesellschaft und politische Akteure müssen gemeinsam in dieselbe Richtung gehen und diese zukunftsweisenden Ziele der Bildungspolitik unterstützen.

Jetzt Chance ergreifen

Denn die Vergangenheit hat auch gezeigt: Manchmal fehlte es am Willen, manchmal an der Kompetenz und sehr häufig an der finanziellen Ausstattung für die digitalen Lernangebote. Der Neurobiologe Gerald Hüther hat im Februar 2020 ein Buch veröffentlicht und darin Vorschläge gemacht zu einem Bildungssystem, das er „#education for future – Bildung für ein gelingendes Leben“ nannte. Die Pandemie stand da übrigens noch ganz am Anfang. „Schule, wie wir sie heute kennen, hat ausgedient“, schrieb er darin. Recht hat er. Doch heute, ein ganzes Jahr später, ist die neue Lernkultur zum Greifen nah. Zugreifen und anpacken – diese Chance haben wir jetzt!


David Bohmann

© David Bohmann

Michael Fleischhacker ist Lehrer und Medienpädagoge in Wien. In den vergangenen Jahren beschäftigte er sich intensiv mit dem Einsatz von digitalen Tools im Unterricht. Mit seiner langjährigen Erfahrung unterstützt er Schulen und Pädagoginnen und Pädagogen, neue Lernsettings im eigenen Unterricht zu implementieren und gründet mit Hilfe des Bezirk Floridsdorfs das Innovations-Lab space21future für alle Floridsdorfer Pflichtschulen. Weiters ist er Mitgründer der ersten ESport Schulliga in Österreich, welche Schulen und Jugendzentren verbindet. Einen kleinen Einblick über seine Erfahrungen lassen sich auf seinem Block www.flippdenfleischhacker.at finden.

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